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Interview: Der deutsche Rifler im Gespräch mit 99Damage03.09.2018, 16:25

tiziaN: "haben praktisch vor keinem Gegner mehr Angst"

Kurz vor der Abreise nach London stand uns Tizian 'tiziaN' Feldbusch von BIG noch Rede und Antwort. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen, die Major-Vorbereitung und selbstgesteckte Ziele.





Vor mehr als einem halben Jahr hast du mit aTTaX noch die Meisterschaft gegen Teams wie Berzerk und DIVIZON gewonnen, in Köln dann One-versus-One-Clutches gegen s1mple. Wie hast du dich spielerisch während dieser Zeit entwickelt?

Als ich neu zu BIG gewechselt bin, dachte ich, dass ich eigentlich schon ein ganz guter Spieler bin. Klar dachte ich, ich brauche noch ein bisschen Zeit, um mich auf T1 einzuspielen. Aber gerade zu der Zeit war ich ziemlich confident in meinen Plays.

Die Praccs in den ersten Wochen verliefen ganz gut. Das Ding ist nur, dass ich als Entry-Fragger von aTTaX kam und dann eher zum versatilen Lurk bei BIG wurde - eine Position, die mich anfangs in komplett neue Situationen gebracht hat und die mir auch klar gemacht hat, welches Key-Verständnis mir für High-Level-CS gefehlt hat und teils immernoch fehlt. Die neue Position und die Unterstützung meiner Mates haben mir geholfen, CS sowohl für mich neu zu erfinden und wichtige Elemente des Spiels besser zu deuten und zu verstehen.

Ich habe mit HUNDEN sehr gut harmoniert bei aTTaX. Ich habe verstanden, warum er gewisse Calls bringt und konnte mich immer bestens in eine Rolle einfügen, weil ich oft genau wusste, was in der jeweiligen Situation gerade fehlt. So konnte ich mich oft für das richtige Play, welches dem Team gerade hilft, entscheiden.

Mir war und ist es immernoch unheimlich wichtig, die gleiche Synergie mit Fatih aufzubauen. Ich bin absoluter Fan seiner Spielphilosophie und bin dabei, sie immer besser zu verstehen und ich hoffe, dass ich dadurch, und mit ausreichend Arbeit, in den nächsten Monaten zu einem vollwertigen Spieler wachsen kann.


Du hast erfolgreich den Sprung geschafft und dich gegen internationale Top-Teams behauptet. Welche drei deutschen Spieler hätten deiner Meinung nach am ehesten das Potenzial, deinen Weg zu gehen, wenn du die 99Damage Liga und die ESL Meisterschaft betrachtest? (abgesehen von Spiidi und denis)

Ich bin ein Fan von syrsoN, der sich in kürzester Zeit zur besten deutschen AWP entwickelt hat. Sonst verfolge ich eigentlich nicht so viel deutsches CS, aber wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, würde ich noch stfN und faveN sagen.




Mittlerweile ist der Fußballtrend von "höher, schneller, weiter" auch in CS:GO angekommen: Mit Talenten wie frozen, sergej und ZywOo sollte man meinen, dass man schon mit 16 gegen die Besten der Welt gespielt haben muss. Auch du hast in diesem Alter schon auf großen LANs wie der StarSeries und später dem Kattowitz-Major gespielt. Wie wichtig ist diese frühe Erfahrung für eine Karriere?

Erstmal denke ich, dass das Alter in CS:GO relativ egal ist, denn meiner Erfahrung nach ist es so: Jemand, der mehr Stunden in das Game investiert und dazu noch den richtigen Ansatz hat, an sich und/oder dem Team zu arbeiten, wird natürlich in der Regel besser als jemand, der zwar schon viele Stunden auf dem Buckel hat, aber dafür die meisten nur gedaddelt hat. Gerade heutzutage haben junge Spieler eher die Ambition, Profi zu werden, als früher, wo die Turniere noch kleiner waren und bevor sich große Konzerne dem Esport angeschlossen haben. Denn erst jetzt scheint man eine gute Zukunftsperspektive in dem Bereich zu haben und man hat ein halbwegs gutes Gewissen, vom normalen Berufsleben eine Pause zu nehmen und andere Sachen in den Hintergrund zu schieben.

Es ist sehr wichtig für einen Spieler, LAN-Erfahrung zu sammeln. Gerade auf großen Events, wo man lernen muss, offline gegen starke Teams zu spielen, muss man nebenher noch lernen, mit der Nervösität und dem Druck, den man sich eventuell selbst aufbaut, umzugehen. Gerade für "Talente" ist es schwierig, sich immer selbst zu behaupten und immer ein A-Game zu spielen. Eben weil ein gewisser Standard schon erwartet wird und alles schlechtere eher von der Community belächelt wird.

Die ersten Events haben mir geholfen, meine Nervösität etwas abzulegen. Man kommt Ingame öfter in Stresssituationen und da auch Mitspieler im LAN motivierter und lauter sind, wirken manche Situationen chaotisch und alles fühlt sich schneller an als es wirklich ist. Ruhig zu bleiben und dennoch wichtige Ansagen laut, schnell und verständlich rüberzubringen und dazu noch die Situation richtig zu handlen, dient dem Lernprozess und ist anfangs der Schlüssel.

Ich muss dazu sagen, dass die Turniere, die ich damals gespielt habe, nicht mal im Ansatz so groß und gut besucht waren, wie zum Beispiel die ESL One Belo Horizonte oder die ESL One Cologne, wo ich mich On-Stage auch erstmal zurechtfinden musste. CS:GO ist seitdem zu stark gewachsen und meine alten Erfahrungen diesbezüglich stehen in keinem Vergleich mehr zu dem, was heutzutage passiert.


Oftmals lernt man viel durch andere Personen und Mentoren. Mit CHEF-KOCH, kzy, crisby, gob b und Co. hattest du einige Menschen dieser Art in deinem Umfeld. Aber auch durch einschneidende Momente und Situationen im Leben lernt man viel. Welche Beispiel gab es in deiner Karriere und was hast du daraus gelernt?

Ende 1.6 beziehungsweise in den Anfangszeiten von CS:GO kannte ich eigentlich schon die meisten Pros aus den Teams, die in die erste CS:GO EPS Season gewechselt sind. Da ich zu der Zeit der 10er / Gatherhero schlechthin war, hat LEGIJA mir dann irgendwann die Chance gegeben, mich bei dotpiXels in der EPS zu beweisen.

Ich habe bei dotpiXels von CHEF-KOCH die erste Standpauke über Work-Ethic bekommen. Danach wurde ich von ALTERNATE gepickt und habe durch SolEk, fel1x und kRYSTAL mehr Erfahrungen über Source-Spieler, deren taktische Herangehensweisen und erste internationale Turniererfahrung gesammelt.

Zirka ein halbes Jahr und drei Mix-Teams später, nachdem ich ALTERNATE verlassen habe, habe ich dann meinen Vertrag bei mousesports unterschrieben und erstmals Einblicke in den Tier-1-Bereich bekommen. Zu der Zeit hat man CS zwar sehr ernst genommen und man wollte immer mit den besten Teams mithalten, allerdings war die Arbeitsmoral im Vergleich zu heute quasi nicht vorhanden. Da man das Game für 200 bis 300 Euro im Monat immernoch "nebenbei" gespielt hat, wurde in der Zeit, die man in das Game gesteckt hat, meist gedaddelt und eher ineffektiv genutzt.

So kam es zum Beispiel dazu, dass wir ein Major mit nahezu keiner effektiven Vorbereitung gespielt haben und auch sofort verdient rausgeflogen sind. Eine Vorstellung, die heute undenkbar für ein Team ist. Man wird in seiner Karriere immer wieder daran erinnert, wie wichtig es ist, konsequent an sich und an dem Team zu arbeiten, keine halbherzigen Sachen zu machen und immer mit "voller Power" an das Game ranzugehen. Das ist in meinen Augen das wichtigste, was ich in meiner Karriere gelernt habe und ich glaube, dass die Herangehensweise der deutschen Spieler in dieser Hinsicht immer noch ein riesen Problem ist.




Seitdem du BIG beigetreten bist, sind mit dem EPL-Aufstieg und der ESL One Cologne zwei sehr positive Dinge passiert. Gleichzeitig gab es aber auch weniger schöne Ereignisse wie die WESG, den Abgang von luckeRRR oder bestimmt auch die eine oder andere hitzige Diskussion. Wie gehst du mit solchen Rückschlägen und Situationen um, besonders vor dem Hintergrund, dass du nach eigenen Aussagen bei BIG erstmals 100% für Counter-Strike geben kannst?

Ich denke, wir hatten gar keine bis kaum Rückschläge seit ich dem Team gejoint bin. Klar war WESG nicht das beste Turnier, aber so schlecht wie alle sagen, waren wir doch gar nicht. Wir sind mit einem frischen Team 2:0 aus der Gruppenphase und haben in der darauffolgenden zweiten Phase an einem totalen Offday gegen AGO leider zwei sehr enge Maps weggeworfen. Wobei am Ende nur eine Map gereicht hätte, weil wir gegen Wololos 2:0 gewonnen haben und danach auch ein gutes Match gegen Fnatic hatten, welches 1:1 ausgegangen ist. Auch wenn die Games vielleicht chaotisch aussahen, fande ich, dass ein gewisses Potenzial schon zu sehen war.

Der Abgang von luckeRRR war eher unschön, aber das passiert nun mal. Das gehört zum Geschäft. Im Endeffekt ist mir egal, wie der Abgang verläuft oder welche Partei am Ende im Abschiedsstatement flamed, denn sobald der neue Fünfte da ist, ist alles wieder vergessen. Man muss halt nach vorne schauen und das beste aus jeder Situation herausholen. Jeder Anfang ist schwer und manchmal laufen Sachen auch schief, aber man muss einfach daraus lernen und immer das Ziel vor Augen halten. Und wie gesagt: Ich denke, wir hatten bisher kaum Rückschläge und zeigen nicht mal im Ansatz die Probleme, die ich mit meinen alten Teams hatte und ich kann mich nachwievor zu einhundert Prozent auf CS konzentrieren.


Wie unterscheidet sich bei BIG die Vorbereitung auf das Major im Vergleich zu anderen Events und Ligen?

Wir haben einen intensiveren Trainingsplan erstellt, in dem wir in kurzer Zeit jede Map nochmal komplett durchgehen, neue Taktiken und Moves hinzufügen und viel Zeit in Demos und unsere Replays investieren konnten. Danach folgten zwei Wochen Hardcore-Spielen und Nachbesprechungen.

Wir konnten die Urlaubszeit vor dem Major perfekt nutzen und hatten sehr viel Zeit, uns wieder einzuspielen und über einfach alles nochmal zu reden. Sonst ist der Unterschied nicht so groß in der Vorbereitung. Wir hatten diesmal einfach viel Zeit und konnten es perfekt planen.


Was ist euer Mindestziel für das Major und wie schätzt du eure Chancen ein?

Ich denke, Top8 ist unser Mindestziel. Wir wissen durch Cologne wie gut wir mit Tier-1-Teams konkurrieren können und haben praktisch vor keinem Gegner mehr Angst. Ohne überheblich wirken zu wollen, aber wir sind einfach sehr confident. Natürlich kann alles passieren, aber wir geben alle wirklich unser Bestes und versuchen vorallem, den Fans zu zeigen, dass Cologne keine einmalige Sache war und wir uns nun länger an der internationalen Spitze aufhalten möchten.


Geschrieben von Zorkaa

Quelle: twitter.com/ESLCS

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Kommentare


#1
Losbude schrieb am 03.09.2018, 16:34 CEST:
Die Interviews und Beiträge werden echt immer profesioneller und besser! Weiter so!
#2
PAL1107 schrieb am 03.09.2018, 17:18 CEST:
"... praktisch vor keinem ..." klingt sehr selbstbewusst...
Dennoch tolles Interview, danke!
#3
eismann333 schrieb am 03.09.2018, 17:29 CEST:
Sehr schönes Interview, GO BIG
#4
traviS1337 schrieb am 03.09.2018, 18:35 CEST:
Losbude schrieb:
Die Interviews und Beiträge werden echt immer profesioneller und besser! Weiter so!


+1

Mir sind geschriebene Interviews 100 Mal lieber als ein Video. Sehr schön.
#5
Dannix schrieb am 03.09.2018, 19:21 CEST:
traviS1337 schrieb:
Losbude schrieb:
Die Interviews und Beiträge werden echt immer profesioneller und besser! Weiter so!


+1

Mir sind geschriebene Interviews 100 Mal lieber als ein Video. Sehr schön.


Sehe ich genauso, bei geschriebenen Interviews hat Interviewte einfach viel mehr Zeit sich Gedanken zu machen, daraus ergibt sich natürlich eine viel tiefere und umfangreichere Antwort!

Hat mir hier sehr gut gefallen!!!
#6
BAERUS schrieb am 03.09.2018, 19:54 CEST:
Schönes Interview bzw. schöne Antworten mit Tiefe, danke Tizian!
#7
YAZEL schrieb am 03.09.2018, 20:25 CEST:
Dannix schrieb:
traviS1337 schrieb:
Losbude schrieb:
Die Interviews und Beiträge werden echt immer profesioneller und besser! Weiter so!


+1

Mir sind geschriebene Interviews 100 Mal lieber als ein Video. Sehr schön.


Sehe ich genauso, bei geschriebenen Interviews hat Interviewte einfach viel mehr Zeit sich Gedanken zu machen, daraus ergibt sich natürlich eine viel tiefere und umfangreichere Antwort!

Hat mir hier sehr gut gefallen!!!


+1
#8
eoL. BUTZ schrieb am 03.09.2018, 21:04 CEST:
"...vom normalen Berufsleben eine Pause zu nehmen..." icksde
#9
iamthewall schrieb am 03.09.2018, 23:06 CEST:
Losbude schrieb:
Die Interviews und Beiträge werden echt immer profesioneller und besser! Weiter so!


+++
#10
FireAbenD schrieb am 04.09.2018, 13:56 CEST:
Gutes Interview! Weiter so und #GOBIG
 

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