ANZEIGE:
Interview: Erster Teil des Interviews mit mTw-Legende Michael 'speiky' Schmidt29.02.2020, 12:55

mTw.speiky: Der Beginn mit Kugelmaus, Hartplastik-Pads und 40-Kilo-Monitoren

Von den Anfängen des Shooters Counter-Strike: Vor zwanzig Jahren spielte Michael 'speiky' Schmidt mit dem Clan mortal Teamwork (mTw) die erste deutsche Meisterschaft und reiste zu internationalen Events nach Dallas und São Paulo.



Zu Beginn der professionellen Counter-Strike-Szene in Deutschland zählte mTw zu den besten und bekanntesten Teams. Das Team spielte unter anderem bei der "Cyberathlete Professional League" in Köln und Dallas mit. Bei der ESL Pro Series: Germany, der ersten deutschen Meisterschaft, belegte mTw den zweiten Platz hinter mousesports.

Der mTw-Spieler speiky erzählt im Interview mit 99Damage über die Anfänge von Counter-Strike, seine ersten LAN-Partys und den Beginn der professionellen Szene.

99Damage: speiky, wann hast du das erste Mal Counter-Strike gespielt?

speiky: Im Jahr 1999 wurde die erste Beta von Counter-Strike veröffentlicht. Wir waren damals auf einer kleinen LAN-Party bei uns in der Nähe und ich hatte das Vergnügen, meine erste Runde Counter-Strike spielen zu dürfen. Wir haben damals Quake II gespielt. Was viele nicht wissen, der Vorreiter und die Idee von Counter-Strike sind aus einer Quake-II-Mod entstanden, die sich "Action Quake II" nannte. Die Jungs haben sich an der Quake-II-Engine bedient und diverse Namen für ein eigenständiges Spiel standen damals im Raum.




99Damage: Was hat dich besser gemacht als einen Casual Player?

speiky: Ich hatte sehr schnell einen kompetitiven Gedanken entwickelt. Das fing im Freundeskreis an: Jeder war maximal motiviert, jeder wollte der Beste sein. Wir haben dann auch jedes Wochenende, teilweise auch heimlich, gespielt. Wir haben dann einfach den teuren PC für 5.000 D-Mark, den man sich vom Konfirmationsgeld zusammengespart hatte, geschnappt und dann gings los. Da wir alle im Freundeskreis gegeneinander gespielt haben, hat man sich mehr oder weniger gegenseitig hochgepusht. Man hat dann immer mal wieder verschiedene Leute eingeladen, die aus anderen Orten dazugekommen sind. Los ging es wie erwähnt mit Quake II.

Durch das Spielen und Training kam das richtige Setup zustande. Damals gab es noch nicht ganz so viel Equipment. Wir haben zum Beispiel eine Kugelmaus benutzt. Dann sind wir sogar 50 Kilometer gefahren, um ein geeignetes Mousepad zu kaufen. Damals war die Marke Everglide ganz groß. Das waren Mousepads aus Hartplastik, die haben wir mit Silikonspray präpariert, denn die Mauspads waren in der Regel sehr schnell abgenutzt. Also hat man vor jedem Match das Silikonspray rausgeholt und das Pad neu eingesprüht. Jeder hatte so seine drei bis vier Everglides für die Sessions am Wochenende dabei. Je professioneller man wurde, desto schneller wurden die Mauspads ausgetauscht.



Das "Giganta"-Mousepad der Firma Everglide aus Hartplastik


99Damage: Kannst du dich noch an dein erstes Team erinnern?

speiky: Ja, in der Tat. Mein erster Quake-II-Clan hieß [SG], das bedeutete „Sight Givers“. Mein erster Counter-Strike-Clan hieß GHF, was „German Hunting Force“ bedeutete. In beiden Clans habe ich mit Spielern gespielt, die später auch bei mTw in den Titeln Quake II, Quake III oder Counter-Strike dabei waren.


99Damage: Habt ihr euch schon bereits als E-Sportler gefühlt?

speiky: Ich glaube, der Begriff E-Sport war damals noch nicht populär. Wir haben uns eher wie Computerspieler gefühlt, die in ihrem Hobby sehr erfolgreich sind und nebenbei damit schon Geld verdienen konnten. Auch wenn die Summen absolut nicht mehr vergleichbar sind mit heute.


99Damage: Wie oft habt ihr trainiert?

speiky: Natürlich haben wir uns bereits früher zum Spielen oder Training verabredet. Es wurden beispielsweise bestimmte Situationen immer wieder gespielt, Positionen wurden ausgearbeitet, die man gegen andere Clans getestet hat. Alles war noch ohne Coach und zeitweise auch ohne Team-Voice. Früher wurde im Vergleich zu heute sehr viel über den Teamchat kommuniziert. Beispielsweise der Waffenkauf oder an welchen Positionen das gegnerische Team einen Angriff vorbereitete.


99Damage: Seit wann konntest du online spielen?

speiky: Meine erste Internetverbindung war ein 33k Modem im Jahr 1998. 1997 ist Quake II erschienen und ich habe damals meine ersten Erfahrungen im LAN gesammelt. Auf den LAN-Partys im Umkreis von 100 Kilometern konnte mir keiner das Wasser reichen. Als ich jedoch online meine erste Partie mit meinem neuen Trust 56k Modem mit Turbo Modus spielte, wurde ich eines Besseren belehrt und schnell vom Server geschossen.



Trust 56k Modem


99Damage: Welche Ausrüstung habt ihr benutzt und wie hat sich euer Equipment weiterentwickelt?

speiky: Wir haben damals noch die Cherry-Tastaturen mit Klick genutzt, die waren sogar schon mechanisch. Das war ein riesiger Brecher, schwer wie sau und hat Lärm ohne Ende gemacht. Ich hatte immer noch eine zweite Tastatur, die geräuschlos war, damit ich auch nachts spielen konnte, ohne dass die Eltern davon Wind bekamen.

Maustechnisch habe ich als allererstes die Logitech Wingman genutzt. Das war schon eine Gaming-Maus, mit drei Tasten, aber mit einer Mauskugel darunter. Davon hatte ich zwei bis drei Stück. Ich musste immer die Mauskugel rausnehmen, um die einzelnen Kontakte zu säubern, damit das Tracking wieder bestmöglich war. Als Headset hatten wir ein einfaches Standard-Headset aus dem Audio-Bereich, ein Mikrofon war nicht dran. Das gab es damals schlichtweg noch nicht.



Drei Tasten, kein Mausrad: die Logitech Wingman


99Damage: Über welche Plattformen habt ihr kommuniziert?

speiky: Das Erste, was es gab, war Roger Wilco. Das werden nur noch Wenige kennen. Das war aber auch schon 2003. Kommuniziert haben wir klassisch mit Buy-Scripts und über den Ingame-Chat. In Quake II gab es beispielsweise Zusatzprogramme wie Nitro, die einzelne Karten in kleinere Bereiche aufgeteilt haben. Wenn ich also beispielsweise in Quake II auf „DM1: Place of Two Deaths“ am Fahrstuhl stand, hatte ich eine bestimmte Tastenkombination, um im Chat anzuzeigen, wo ich bin und um meine Teammates zu informieren, ob der Fahrstuhl sicher ist oder nicht. Durch das Buy-Script konnte man im Chat anzeigen lassen, welche Waffen man hatte oder ob man sparen muss. So wurde damals kommuniziert.


99Damage: Wie schwer war eigentlich dein Monitor?

speiky: Die Frage kommt immer mal wieder auf, wenn du mit Jungs in alten Erinnerungen schwelgst. Ich hatte damals den Monitor von Iiyama mit ungefähr 17 Zoll und auch frühzeitig den Nachfolger mit 21 Zoll. Das Gerät hat um die 40 Kilogramm gewogen. Das war teilweise so, dass Freunde von mir, von denen manche auch etwas kräftiger gebaut waren als ich, das Gerät geschleppt haben. Es ging aber schnell dazu über, dass ich bei Freunden einen zweiten Monitor stehen hatte und für LAN-Partys einen 15-Zoll-Monitor, der mit einem Gewicht von etwa 20 Kilogramm leichter getragen werden konnte.


99Damage: Kannst du dich noch an deine erste LAN-Party erinnern?

speiky: Es wurde, wie so oft erzählt, tatsächlich sehr viel Pizza gegessen und Energy Drinks getrunken. Meist waren wir im kleinen Kreis zusammen und gezockt wurde im Keller oder in einem dunklen Raum. Das hatte auch einen Grund: Der Einblickwinkel der Monitore war nicht ansatzweise vergleichbar mit heute. Ein kleinster Lichtkegel auf dem Bildschirm und man konnte nichts mehr erkennen. Zusätzlich waren viele Monitore vor Dunkelheit nur so „eingebrannt“. Eigentlich war das total schädlich für die Augen, ein Wunder, dass ich bis heute keine Brille benötige und scharfe Augen habe.



17 Zoll Monitor der Firma iiyama


Wie war die erste LAN mit dem Team? Gab es schon Preise?

speiky: Meine erste LAN-Party habe ich mit meinen engsten Freunden damals erlebt. Stolz wie Oskar haben wir die PCs in das Auto geschleppt und sind bewaffnet mit BNC-Netzwerk-Kabel und Endwiderstand losgedüst. Es gab damals nur Sachpreise. Ein Preisgeld gab es früher nur auf großen, renommierten LANs. Das fing um die Jahrtausendwende langsam an.




99Damage: Wie habt ihr Preisgelder untereinander aufgeteilt?

speiky: Wir haben bei der ersten deutschen Meisterschaft um 5.000 D-Mark für den ersten Platz gespielt. Wir hatten damals mit mTw die Clanregelung, dass das Team alles bis zu 5.000 D-Mark behalten darf. Da haben wir ganz einfach durch fünf geteilt. Viel spannender bei der ersten deutschen Meisterschaft war das Fritz-Turnier von Fritz Radio aus Berlin, die ein Parallelturnier veranstaltet haben. Die Fritz-LAN wurde von Michael Haenisch veranstaltet.

Das Fritz-Turnier war eigentlich für die Clans und Teams gedacht, die nicht an der deutschen Meisterschaft mitspielen durften. Da es aber vier Grafikkarten im Wert von jeweils 1.400 D-Mark zu gewinnen gab, haben wir uns natürlich gedacht, wir schlafen einfach so gut wie gar nicht und spielen parallel das Nebenevent noch mit. Die Grafikkarten waren vom Wert her der attraktivere Preis. Letztlich haben uns zwar einige zu Recht dafür gehasst, trotzdem konnten wir beide Events gewinnen und sind am Ende mit 5.000 D-Mark und den Grafikkarten nach Hause gefahren.


99Damage: Du hast 2000 das CPL Europe Cologne Event mit mTw gespielt. Wie war die Veranstaltung?

speiky: Das Event wurde damals schon von Turtle Entertainment veranstaltet, das heutzutage zehntausende Menschen in großen Hallen mit ihren Esport-Produkten wie beispielsweise den ESL One-Events begeistert. Die CPL Europe Cologne fand damals am Rhein in einer kleinen Location statt. Es wurde im Double-Elimination-Verfahren gespielt. Damals wurde nicht nach Maxrounds gespielt, sondern jedes Team durfte eine bestimmte Zeit als Offensive und Defensive spielen. Daher war es spielentscheidend, ob du als CT oder Terror angefangen hast.

Wir haben auf CS_Italy gegen das Team Spirit of Amiga gespielt und fingen als Terror an. Wir haben offensiv gespielt, auf einer Map wo die CTs einen Vorteil haben. Das Ende des Liedes war, dass wir mit vielen Runden hinten lagen. Spirit of Amiga hat daraufhin als Terror gar nicht mehr angegriffen und nur noch die Zeit runtergespielt. Das hat dazu geführt, dass wir als CTs die Ts angreifen mussten. Das war leider völlig am Sinn des Spiels vorbei, aber so war das früher.



Turnier-Bracket der CPL Cologne 2000 (Quelle: liquipedia.net)


99Damage: Wie wart ihr als Team organisiert?

speiky: In erster Linie war es der Älteste und derjenige mit einem Führerschein, der einiges zu sagen hatte. Das war zumindest bei uns im ersten Team von mTw so. In der Position war damals mTw.NyKoN. Er hat damals fast alles organisiert, denn einige waren noch minderjährig. Weil ich viel online war, habe ich viel mitorganisiert. Weil ich irgendwann zu allen ein gutes Verhältnis aufgebaut habe, bin ich in der Rolle des Team-Kapitäns angenommen worden, die ich auch im zweiten Counter-Strike-Team bei mTw fortführte.

Die letztendliche Entscheidungsgewalt lag aber dennoch beim Clanleader. Der klassische Clanleader war damals Rene Korte. Er hatte das letzte Wort. Rene war bereits einige Jahre älter, hatte mehr Erfahrung, war teilweise schon in entscheidenden Positionen angestellt und hat den deutschen Esport in der frühen Phase entscheidend mitgeprägt.


99Damage: Konnte man die damalige CS-Szene schon als professionell bezeichnen?

speiky: Counter-Strike-Profi hört sich für damalige Verhältnisse schon sehr weit fortgeschritten an. Was einen Profi auszeichnet, ist, dass er sich jeden Tag sehr viel mit dem, was er tut, beschäftigt und versucht, darin der Beste zu werden. Diesen Anspruch hatten wir damals ohne Zweifel. Daher waren wir in diesem Sinn auch Counter-Strike-Profis, obwohl wir sicherlich nicht wie Profis bezahlt wurden. Ein großer Unterschied zu heute ist, dass wir zuerst in unserem Freundeskreis gespielt haben und das auf einem hohen, professionellen Level. Dann kamen neue Leute hinzu.

Während heute Preisgelder und Transfers in Millionenhöhe im Mittelpunkt stehen, waren es damals noch die Persönlichkeit und das freundschaftliche Miteinander im Team. Heute ist alles deutlich professioneller mit mehreren Trainern, Psychologen und Ernährungsberatern. Früher haben wir uns „klassisch“ von Pizza und Energy Drinks ernährt.

Im zweiten Teil des Interviews am morgigen Sonntag erzählt der frühere mTw-Spieler Michael 'speiky' Schmidt über das CPL-Event in Dallas im Jahr 2000, ob es böses Blut zwischen den besten deutschen Teams gab und wie es dazu kam, dass mTw zu dritt an fünf Rechnern spielte.


Geschrieben von TheHotz

Ähnliche News

Kommentare


#1
Kaiserlichter schrieb am 29.02.2020, 13:20 CET:
Oh mein Gott, Wahnsinn :-))))
Danke dafür !!!!!!
#2
enkay J schrieb am 29.02.2020, 13:21 CET:
lol, in der Tat legendär
#3
Benboozled schrieb am 29.02.2020, 13:31 CET:
Sehr cool! Bitte mehr davon :)
#4
snake-41 schrieb am 29.02.2020, 13:35 CET:
So haben wir auch angefangen, Monitore schleppen und Beta von ca toca Diablo und co. Lanpartys mit mehr als 10mann waren pures Highlight. Sonst immer schön mit dem Bollerwagen irgendwo getroffen von 2-10mann, wpwp
#5
ERA. schrieb am 29.02.2020, 13:54 CET:
Sehr interessant zu lesen, gut gemacht!
#6
KPON schrieb am 29.02.2020, 14:17 CET:
Sehr schon! Die mTw und mymTw Zeiten werde ich immer in guter Erinnerung behalten :)
#7
sha. schrieb am 29.02.2020, 14:38 CET:
Die guten alten Zeiten <3
#8
Elliot123 schrieb am 29.02.2020, 14:40 CET:
sha. schrieb:
Die guten alten Zeiten &lt;3
#9
Saxonyme schrieb am 29.02.2020, 15:08 CET:
wahrlich eine legende. Ha ho He mtw^^
#10
QMUH schrieb am 29.02.2020, 17:36 CET:
Richtig Gut!!!
#11
mac99m schrieb am 29.02.2020, 19:55 CET:
Mega Interessant! Weiß jemand was aus Everglide geworden ist? Die page ging 2011 im Dezember einfach offline.
#12
87in3 schrieb am 01.03.2020, 00:50 CET:
super starker Content!
#13
nitroX-- schrieb am 01.03.2020, 07:24 CET:
Roger Wilco.... :D danach dann headset von sidewinter wo jeder m8 dann auf einer Nummer war <3
 

Du bist nicht eingeloggt! Um einen Kommentar abzugeben, kannst Du dich hier anmelden.
Freaks 4U Gaming © 2012-2020 by 99damage.de - All rights reserved. - Staff - Impressum - Datenschutz